
Schon nach den ersten Wochen des ersten Schuljahres, in der Regel nach den Herbstferien, wenn sich die Kinder an den Übergang vom Kindergarten zur Schule gewöhnt haben, beginnt für alle Kinder an den Waldorfschulen der Unterricht in zwei Fremdsprachen, bei uns Englisch und Französisch.
Aus der Entwicklungspsychologie und der Spracherwerbsforschung ist schon lange bekannt, dass kleine Kinder über universale Spracherwerbsfähigkeiten verfügen. Ein Baby kann im Prinzip jede beliebige Sprache, von der es kontinuierlich umgeben ist, als Muttersprache erwerben.
Die Muttersprache ist nicht genetisch veranlagt, denn sonst würden Kinder von deutschen Eltern nur deutsch, von türkischen Eltern nur türkisch erlernen können. Das Kind hat die Fähigkeit, die Sprache, die es umgibt, aufzunehmen. Aus der Gesamtheit der es umgebenden Sprache erwirbt das kleine Kind Bedeutung und Gebrauch von Nomen, Verben, Adjektiven und von Ein-, Zwei- und Dreiwortsätzen ausgehend zunehmend komplexere Satzstrukturen. Das heißt, der Spracherwerb erfolgt nicht über bewusstes, intellektuelles Lernen. Vielmehr wird die Bedeutung der Sprache intuitiv und gefühlsmäßig aufgenommen und angewendet.
Wie genau diese Lernfähigkeit funktioniert ist bis heute in der wissenschaftlichen Psycholinguistik nicht eindeutig geklärt. Tatsache ist, dass diese Art des Lernens eine besondere Fähigkeit des frühen und mittleren Kindesalters ist, die zu Beginn der Schulzeit noch anhält, mit der weiteren Entwicklung jedoch abnimmt.
Kommen Kindergartenkinder und Schulkinder der ersten Schuljahre mit einer anderen Sprache in Kontakt, vermögen sie die Sprache noch in solcher Weise aufzunehmen, dass sie nicht bewusst Worte und ihre Bedeutungen in ihre Muttersprache übersetzen oder Grammatikregeln lernen.
Über das Hören und die Anwendung der Sprache verinnerlichen sie Bedeutung und Gesetzmäßigkeiten. Ein Gefühl für die andere Sprache entsteht. Ältere Schulkinder und Erwachsene müssen sich eine Fremdsprache über kognitiv – bewusstes Lernen erwerben, d.h. Wörter und Grammatikregeln oft mühsam dem Gedächtnis einprägen. Auch beim Erwerb der Aussprache haben jüngere Kinder die Fähigkeit, andersartige Laute richtig nachzuahmen und ihre artikulatorischen Fähigkeiten leichter zu erweitern als Erwachsene.
In den Englisch-, bzw. Französischstunden der ersten bis dritten Klasse spricht der Lehrer / die Lehrerin nur in der anderen Sprache, so dass das Kind ganz umgeben ist von den anderen Klängen und Lauten. Der Unterricht vollzieht sich in dieser Zeit ganz im Mündlichen und Bildhaften, im Hören, gemeinsamen Sprechen und Tun. Da werden die für die Sprache und Kultur typischen Kinderlieder gesungen, "action rhymes" mit Händen und Füßen, Benennung der Gegenstände im Klassenzimmer, Dialoge, Frage- und Antwortspiele, Rollenspiele und szenische Spiele durchgeführt. Anhand von Bildern oder Figuren werden Geschichten erzählt.
Die Erstklässler sind sehr gespannt und aufmerksam bei der Sache und erfassen sehr schnell aus dem Zusammenhang, was der Lehrer möchte. Begeistert und lebhaft beteiligen sie sich am gemeinsamen Tun. Spielerisch tauchen die Kinder in die andere Sprache ein und sind in kurzer Zeit in der Lage, die Dialog- und Rollenspiele selbständig auszuführen. Auf diese Art und Weise entwickeln die Kinder ein Sprachgefühl und ein Verständnis, das tief im Empfinden lebt.
Da die Kinder sprachlich gesehen in den ersten zwei bis drei Schuljahren schwerpunktmäßig als Aufgabe haben, in ihrer Muttersprache Sicherheit im Schreiben und Lesen zu erwerben, werden die Fremdsprachen erst gegen Ende der 3., Anfang der 4. Klasse auch schriftlich eingeführt, wenn sich die Lautung und Schreibung der Muttersprache schon gefestigt hat. Auch der Grammatikunterricht wird erst begonnen, wenn ein erstes Bewusstsein für die Grammatik der Muttersprache entwickelt worden ist.
Die Unterrichtsmethodik ändert sich entsprechend dem Lebensalter und Entwicklungsstand der Schüler. Vom ersten spielerischen Erwerb der anderen Sprachen führt der Weg nach der Grundschulzeit auch hin zum bewussten Erarbeiten der Sprache, d.h. dem bewussten Erüben grammatischer Regeln, dem Erweitern des Wortschatzes durch Vokabelarbeit usw.
Hinter der Forderung, möglichst früh den Fremdsprachenunterricht in der Grundschule einzuführen, stehen meist rein pragmatische Argumente: bessere Bildung – bessere Berufschancen, Notwendigkeit der Mehrsprachigkeit in unserer globalen Kommunikationsgesellschaft usw. Dies ist sicherlich richtig und zeitgemäß.
Der Fremdsprachenunterricht erschließt dem Lernenden aber auch ein größeres Verständnis für das andere Volk, die andere Sprachgemeinschaft. Das heißt, die Fremdsprache und was sie vermittelt ist nicht mehr das "Fremde", sondern das "Andere", für das wir Verständnis und Nähe aufbringen können. Insofern wird der Fremdsprachenunterricht in der Waldorfpädagogik auch in seinem sozial bildenden Aspekt zur Entwicklung von größerem Verständnis, Toleranz und Offenheit im Empfinden gegenüber anderen und vor allem anderssprachigen Menschen und Kulturen gesehen.
Von der 7. bis zur 9. Klasse, die von der Pubertät der Schüler stark geprägt sind, haben wir uns für die Reduzierung der beiden Sprachen auf eine einzige entschieden. Die Kräfte, die dadurch frei werden, sollen in den auch wochenstundenmäßig intensivierten Englischunterricht einfließen. Diejenigen Schüler, die die Verbindung zur französischen Sprache nicht verlieren wollen, können sie im Wahlpflichtbereich jahrgangsübergreifend durchgehend weiterführen. Dabei sollen vorwiegend verbale Fähigkeiten sowie das Leben in Frankreich, Theaterstücke, Filme usw. im Vordergrund stehen.
In der 10. Klasse müssen die Schüler sich entscheiden. ob sie sich das Abitur als Schulabschluss zum Ziel setzen. Dann müssen sie Französisch als 2. Fremdsprache wieder aufnehmen. Die fortgeschrittenen Schüler sollen – als Motivationsschub - die Möglichkeit haben, ein Französischdiplom (DELF) abzulegen.
An dieser Stelle soll eine bewusste Entscheidung durch die Schüler getroffen werden, ins Fach Französisch Arbeit zu investieren. Dies sehen wir auch als Lernprozess für die Jugendlichen, sich für konsequentes Lernen und Arbeiten auf ihr Ziel hin- das Abitur – zu entscheiden.
Auslandsaufenthalte und Schüleraustausche für Großbritannien und Frankreich befinden sich in der Planung.