
In den ersten zwei Stunden am Morgen erteilt der Klassenlehrer den Hauptunterricht in Epochen von mehreren Wochen pro Fach. In der Unterstufe wechseln Formenzeichnen, Rechnen, Schreiben und Lesen einander ab. Das Formenzeichnen ist ein waldorfspezifisches Unterrichtsfach, in dem das Kind Formen wie z.B. Kreise, Lemniskaten, Sterne oder Symmetrien zu Papier bringt und dabei sein Koordinationsvermögen, sein räumliches Vorstellungsvermögen und nicht zuletzt seinen Schönheitssinn entwickelt.
In den ersten Schuljahren wird die natürliche, nachahmende Bewegungsfreude der Kinder wo immer sinnvoll aufgegriffen. So trifft man in der Rechenepoche hüpfende Kinder, die dabei eine Einmaleinsreihe lernen oder die Kinder begleiten ihre Gedichte mit schönen Gesten oder sie spielen kleine Geschichten oder sie tanzen oder laufen Formen im Raum. Alles Lernen geht vom eigenen Tun aus, das Begreifen schließt sich daran an. So werden z.B. zuerst die Buchstaben und Wörter schreibend kennen gelernt und nach und nach daran das Lesen geübt.
Der Unterrichtsstoff wird niemals trocken und phantasielos an das Kind herangetragen. Eine Märchenstimmung durchzieht alles Unterrichten. Die Buchstaben fallen nicht vom Himmel, sondern zunächst wird ein Märchen oder eine vom Lehrer selbst erdachte Geschichte den Kindern erzählt - vielleicht das Märchen von der goldenen Gans. Dann wird die goldene Gans mit Wachskreiden gemalt. Dann wird aus der Gans der Buchstabe G zeichnend abstrahiert und zuletzt wird der Laut dazu gesprochen. Somit wird dem Kind nichts Fremdes übergestülpt, sondern es kann eine innige Gefühlsbeziehung zu dem Buchstaben "G" entwickeln und hat dessen "Entstehung" mitvollziehen können.
Im Erzählteil am Ende des Hauptunterrichts erzählt der Lehrer neben den Märchen Legenden, Fabeln und Mythen. So wird das Kind früh herangeführt an zeitlose Dichtungen der Weltliteratur, an moralische und religiöse Vorbilder und an tiefe Menschheitsfragen. Auch das Aufwachen für die umliegenden Natur, für Stein, Pflanze, Tier und Stern wird durch bildhafte Geschichten gefördert. Da wird nicht intellektuell erklärt, sondern die stolze Rose spricht zum bescheidenen Veilchen und vielleicht schlichtet der schlaue Fuchs den Streit zwischen den beiden.
Angeregt durch Mythologien, unter anderem des Alten Testaments, vermittelt der Klassenlehrer den Kinder .wie die Menschen die Kulturtechniken ergriffen. Somit legt er die Grundlagen für die anstehenden Ackerbau -, Handwerker - und Hausbauepochen. So wie in den gehörten Geschichten bearbeiten die Kinder ihr eigenes kleines Feld, indem sie pflügen, eggen und sähen. Anfang der vierten Klasse wird dann das Korn geerntet, mit selbst gefertigten Dreschflegeln gedroschen und mit kleinen Handmühlen zu Mehl gemahlen. Anschließend backt jedes Kind sein eigenes kleines Brot.
Das in den Rechenepochen angelegten Messen und Wiegen findet z.B. in der Handwerkerepoche beim herstellen eines Kleiderbügels oder in der Hausbauepoche seine praktische Anwendung. Von der Planung, über den Bau eines eigenen Modelhauses, bis hin zur Errichtung eines kleinen Hauses oder einer Mauer erleben die Kinder angewandtes und praxisbezogenes Rechnen.
In der vierten Klasse trägt der Lehrplan der seelischen Grundstimmung des Kindes besonders Rechnung. Indem er davon ausgeht, dass das Kind sich als ein Ich, das der Welt gegenübersteht, stärker erlebt. Das frühere, instinktive Einssein mit der Welt ist ihm verloren gegangen. Es nimmt sein eigenes Seelenleben und die Objekte der Umgebung als etwas Getrenntes wahr. Ein Bruch ist geschehen. So kommt z.B. zum ersten Mal die Bruchrechnung hinzu. Denn ein Grundmotiv der Lehrfächer in diesem Schuljahr ist das erfassen einer Vielheit, einer zerbrochenen Ganzheit, von einem festen Punkt aus. Während in den vorangegangenen Jahren die Welt der ganzen Zahlen, ausgehend von der Eins, erobert wurde, gewinnen die Kinder jetzt aufs Neue das gesamte Zahlenreich, diesmal aber durch das Zerbrechen der Eins.
Hinzu kommt in der Naturkunde vom Menschen als Ganzheit ausgehend, die so genannte Menschen- und Tierkundeepoche. Hier erleben die Kinder eine Fülle der Tierformen mit besonderen spezialisierten Fähigkeiten im Vergleich zum Menschen.
Die erste Erdkunde geht ebenfalls vom Standpunkt des Kindes aus und bewegt sich aus der im Klassenzimmer angelegten Heimatkundeepoche schrittweise in die Welt. Das heißt, dass die Kinder zunächst die Himmelsrichtungen bestimmen und dann schrittweise die Schulumgebung und in diesem Falle Neuenrade kennen lernen.
Neben vielen weiteren Epochen wird in der Welt der „germanischen Mythologie, die als Erzählstoff das vierte Schuljahr begleitet, ebenfalls von einer Vielheit von Göttern berichtet. Hier erleben die Kinder wie z.B. Thor als Zentralgestalt der Götter mit seinem Hammer die Welt zerschlägt- sie aber auch wieder aufbaut und zu heilen vermag.
Die Mittelstufe der Freien Waldorfschule Neuenrade beginnt mit der fünften Klasse und umfasst dann vier Schuljahre. Es ist ein wichtiger Abschnitt im Leben der Schüler, fällt doch auch der Beginn der Pubertät in diese Zeitspanne. Gefühle, Selbst- und Fremdwahrnehmung und die Auseinandersetzung mit der sie umgebenden Welt werden nun zu großen Themen.
Die oft überschwänglichen Gefühle und das Chaos im Innern verlangen nach Objektivierung, doch möchte der Jugendliche auf der anderen Seite auch verstanden werden. Gleichzeitig sucht er die Distanz zur Erwachsenenwelt, um eine eigene Position zu beziehen und sich neu zu orientieren. Der Klassenlehrer, der die Schüler bis zur achten Klasse begleitet, kann dabei Hilfe und Unterstützung bieten.
Verschiedene pädagogische Konzepte und Unterrichtsinhalte, die speziell auf die entwicklungsspezifischen Besonderheiten zugeschnitten sind, greifen in der Waldorfpädagogik ineinander und können die gesunde Entwicklung der Kinder und Jugendlichen auf diese Weise fördern:
Schon der Lehrplan bietet für Schüler dieser Altersstufe ansprechende Themen und Inhalte. Exemplarisch seien an dieser Stelle einige Auszüge vorgestellt:
Zum einen wird ab der fünften Klasse durchgängig der Geschichtsunterricht erteilt. Die Entwicklung der großen Kulturen von der Antike bis zur Gegenwart wird in anschaulichem Unterricht, zum Teil auch in Projektarbeit, intensiv erarbeitet. So wie sich das Bewusstsein des Menschen in den verschiedenen Kulturepochen stets weiter entwickelt hat, so entfaltet sich auch das Denken und Bewusstsein des Kindes in bestimmten Phasen.
Die Zusammenhänge in der Geschichte zu entdecken, schult außerdem das gerade erwachende kausale Denken der Schüler. Letzteres ist auch ein Grund, ab der sechsten Klasse mit den naturwissenschaftlichen Fächern Physik und Chemie zu beginnen. Hier geht der Unterricht der Mittelstufe von der reinen Beobachtung und Beschreibung der Phänomene und den daraus zu bildenden Gesetzmäßigkeiten aus. Die Schüler werden nicht nur auf abstrakter Ebene, sondern auch im Gefühlsleben angesprochen.
Auch besondere Projekte können die Schüler in der Mittelstufe fordern und fördern.
Die Klassenfahrten sind oft Höhepunkte eines Schuljahres. Nicht nur landeskundliche und kulturelle Erfahrungen, sondern auch intensive soziale Begegnungen führen die Klasse zusammen und stärken das Gemeinschaftsgefühl.
In der Altersstufe, in der soziale Kontakte an Wichtigkeit zunehmen, bieten wir den Schülern ausgiebig die Möglichkeit, sich auch außerhalb der Schule wahrzunehmen und sich noch einmal ganz anders kennen zu lernen. So wird in der fünften Klasse eine Segelfreizeit angeboten, in der sechsten eine Skifahrt, in der siebten Klasse steht das Forstpraktikum auf dem Plan und in der achten schließlich die große Fahrt zum Ende der Klassenlehrerzeit.
Darüber hinaus wird in der achten Klasse ein großes Theaterstück einstudiert, um auf der Bühne öffentlich aufgeführt zu werden. Ein speziell für dieses Projekt ausgebildeter Theaterpädagoge verhilft den Schülern zur Entfaltung ihres künstlerischen Potentials. Unvergessliche Momente entstehen, wenn die Schüler in ihrer Rolle auf der Bühne glänzen und nach höchster Anstrengung den Applaus ernten dürfen.
Ein weiteres Projekt der achten Klasse sind die „Halbjahresarbeiten“. Hier beschäftigen sich die Schüler über ein halbes Jahr durchgehend, parallel zum Unterricht, mit einem Thema ihrer Wahl. Es können brauchbare Dinge mit kulturgeschichtlichem Hintergrund, wie z.B. ein Langbogen, hergestellt werden, es können auch Kunstwerke oder rein funktionale Dinge entstehen. Diese „Halbjahresarbeiten“ aus den unterschiedlichsten Bereichen, die sich die Schüler selbst wählen, werden dann öffentlich präsentiert, wobei der Prozess auch dokumentiert und begleitet wird.
Die Mittelstufe endet mit der achten Klasse und damit wird auch der Klassenlehrer, der die Schüler bis dahin durchgehend von der ersten Klasse an begleitet hatte, von einem Klassenbetreuer der Oberstufe abgelöst.
Entwicklungspsychologische Erkenntnisse als Grundlage der Waldorfpädagogik bestimmen auch die Zielsetzungen für die Oberstufe. So gilt es ab Klasse 9, die Schüler in der Entwicklung ihrer Urteilsfähigkeit zu unterstützen.
Noch immer eingebunden in die Klassengemeinschaft werden sie darum nun vermehrt mit Fachunterrichten und ihren jeweils eigenen Gesetzmäßigkeiten konfrontiert. In wachsendem Maße gilt es hier, Wahrnehmungskräfte zu schulen, die Folgen eigener Handlungen zu erleben und daraus Schlüsse zu ziehen. Auf diese Weise entwickeln die Jugendlichen Vertrauen in die individuellen Gestaltungsmöglichkeiten in der Welt, was kognitive und praktische Fähigkeiten ebenso voraussetzt wie emotionale und soziale Kompetenzen.
Aus diesem Prozess heraus werden die Schüler auf die für sie höchstmöglichen Abschlüsse vorbereitet: Hauptschulabschluss nach Klasse 10 oder 11, Fachoberschulreife nach Klasse 11, Fachhochschulreife oder Allgemeine Hochschulreife nach Klasse 13 (Abitur).
Klasse 4
Sexualerziehung: „Ich entdecke meinen Körper“
(mit Unterstützung einer Hebamme)
Klasse 5
Nikotin
(mit Unterstützung einer Krankenkasse)
Klasse 6
Klasse 7
Mager-/Esssucht
(in Kombination mit der Ernährungslehreepoche)
Klasse 8
Sexualerziehung
(Geschlechtsverkehr, -krankheiten pp.)
Klasse 9
Abhängigkeit im Alltag: Cannabis, Spiele/TV, Alkohol
(mit Unterstützung eines Drogenberaters bzw. eines Polizisten)
Klasse 10
Synthetische Drogen, KO-Tropfen, Amphetamine
(eventuell mit Besuch eines Ex-Users)
Darüber hinaus jährlich einen Infoabend für Eltern aller Klassen und alle drei Jahre ein ausgewähltes Theaterstück für die Klassen 7-8-9.